PARASITEN DER OHNMACHT - Buchrezension in LITERATUR, JUNGE WELT Beilage zur Frankfurter Buchmesse 2009
Herrn und Frau Niemands Inferno
Miron Zownirs »Parasiten der Ohnmacht« haben eine Zukunft – und das ist beängstigend. Von Robert Mießner
Der im August dieses Jahres mit 78 Jahren verstorbene Berliner Schriftsteller Adolf Endler stellte Anfang der Neunziger eine kurze Liste von Schreckens- oder Höllenbüchern zusammen.
An den Anfang setzte er Lautréamonts »Die Gesänge des Maldoror« wie Arthur Rimbauds »Zeit in der Hölle«. Dann, Endler schrieb für die Zeitschrift neue deutsche literatur einen Essay über Wolfgang Hilbig (1941–2007), fügte er hinzu: Raymond Roussels »Locus Solus«, Thomas Pynchons »Die Enden der Parabel«, William S. Burroughs »Naked Lunch« und Franz Kafkas »Der Prozeß«.
Bücher mit einem Ruf also. Nicht alle Höllentexte der Literatur (die Liste ließe sich erweitern) wird man zweimal lesen, und es gibt Tage, da schreckt man vor ihnen zurück.
Dann wieder erscheint es an der Zeit, eines dieser ungemütlichen Bücher aufzuschlagen. Wer dieser Tage im Oktober bereits in Novemberlaune ist, sollte vielleicht zu Miron Zownir greifen.
Hier ist einer, der etwas zu erzählen hat. Natürlich schreibt er nicht nur über sich, aber ohne Biographie kommen wir hier nicht aus. Miron Zownir, 1953 in Karlsruhe als Sohn eines Ukrainers und einer Deutschen geboren, begann Ende der Siebziger in der Punkszene Westberlins als Fotograf zu arbeiten. Später ging Zownir nach New York und fand seine Motive bei Huren, Schwulen und SM-Fetischisten. In den USA entstanden acht Underground-Kurzfilme. Für den Japaner Ruy Murakami entwickelte er mehrere Filmideen und Exposés. Murakami, er produzierte eines von Zownirs Projekten, ist Autor und Regisseur von »Tokio Dekadenz«. 1989 ging Zownir von New York nach Los Angeles, wo er im Knast landete. Ein Filmprojekt platzte. Zownir arbeitete als Doorman und Komparse. Seine hauptsächlichen Rollen waren Skinhead, Krishna-Jünger oder Neonazi. Anfang der Neunziger heuerte er auf einem abgewirtschafteten Kutter an und durchkreuzte monatelang die leergefischte Beringsee. 1993 kehrte Zownir nach Deutschland zurück. Zwei Jahre später beauftragte ihn das Hamburger Erotic Art Museum, das Moskauer Nachtleben zu dokumentieren. Zownir erlebte die »aggressivste und gefährlichste Stadt«, in der er je war. Er änderte das Thema seines Auftrages. Statt enthemmte Neureiche abzulichten, ging er auf die Bahnhöfe und in das Tunnelsystem der Straßenunterführungen. Ungeachtet russischer Milizen mit Kalaschnikows im Anschlag fotografierte er Obdachlose, Sterbende und Tote. Nach drei Monaten meinte er: »Es war Dantes Inferno«.
Und das schilderte er in seinen Büchern. Zownir schrieb den realistisch-skurrilen Krimi »Kein schlichter Abgang« (2003). »Das falsche Lächeln der Sonne« und »Lana« sind bis dato unveröffentlicht. Dafür ist jetzt im Bremer mox & maritz-Verlag (vormals mirandA) »Parasiten der Ohnmacht« erschienen. Der Titel dieser Sammlung von Kurzgeschichten und Gedichten ist gut gewählt. Wir begegnen Menschen in ausweglosen Situationen und Lebenslagen, denen immerhin Sarkasmus und Stolz geblieben sind. Ein altes Ehepaar, er ist Totengräber, stellt sich als »Herr und Frau Niemand« vor. Ihr Leben ist kein Stoff für die Zeitung. Damit sich das ändert, regt die Frau kurz an, ob sie nicht ein Verbrechen begehen könnten. Er: »Ich will anonym bleiben«. An anderer Stelle läuft jemand Amok. Der Killer bleibt still. Ein Tatverdächtiger, es bleibt unklar, ob er nicht ein eingebildeter Mörder ist, antwortet im Verhör auf die Frage, warum er seinem Opfer die Festtagsgaben abnahm: »Weil Weihnachten war«. Ausgerechnet »Sternstunden der Menschheit« hat Zownir den Text genannt. An anderer Stelle entwirft er über »Landschaft wie kurz vor dem Nervenzusammenbruch«: »Blasse Felder im Abendrot und im Hintergrund Krähen, die Van Gogh in den Vordergrund gestopft hätte«.
Zu diesen Texten, die von Endpunkten und Versagern handeln, hat Zownir einige seiner Fotos ausgewählt. Eines zeigt eine Prozession in Spanien, aufgenommen im Jahr 2000. Und die Gläubigen, die da gesenkten Kopfes laufen, sehen nicht gerade aus, als würde die Erlösung auf sie warten. Dafür ist das Punkerpärchen, das ihm 1980 in Berlin vor die Kamera kam, sicherlich nicht mehr vermittelbar. Aber der Typ, der mit seiner Freundin in der toten Stadt, die Berlin damals war, neben einer Christusfigur steht, lacht. Andere Fotos stammen aus Zownirs Zeit in Rußland und den USA. Neuere zeigen ein Berlin, das man spontan in Pompeji umbenennen möchte. Bei all dem Grotesken, das Zownirs Werk durchzieht, ist er Realist und romantisiert nicht. Er schaut nur ganz genau hin. Es empfiehlt sich, diese Sammlung von Kurzgeschichten und Gedichten nicht vor dem Einschlafen zu lesen. Die Nacht könnte unruhig werden.
Miron Zownir:Parasiten der Ohnmacht. Mox & Maritz, Bremen 2009, 180 Seiten, 17,80 Euro