ISTANBUL 2019/2020

In seiner vor und während der Corona-Pandemie entstandenen Fotoserie ISTANBUL NOIR beleuchtet Miron Zownir, wie vielfältig die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten der Menschen in der größten Stadt der Türkei sind und bildet eine soziale Realität ab, zu der auch eine immer größer werdende Armut und soziale Tabus gehören.

In his photo series ISTANBUL NOIR, shot before and during the Corona pandemic, Miron Zownir illuminates how diverse the different realities of life among people in Turkey's largest city are and depicts a social reality that includes an ever-increasing poverty and social taboos..

selected photographs
 

Die anhaltende Wirtschaftskrise, die Pandemie, die rasante Inflation der Währung und die Aufnahme einer immensen Zahl von Kriegsflüchtlingen haben in den vergangenen Jahren eine immer drastischer werdende Armut in das öffentliche Bild der stetig wachsenden Mega-Metropole Istanbul gezeichnet. 

Inmitten der lebhaften Energie der größten Stadt der Türkei und der magischen Atmosphäre von Licht und Schatten über dem Bosporus, hält Miron Zownir den zwillingshaften Charakter Istanbuls fest. Unvoreingenommen nimmt er eine Stadt in den Blick, in der Tradition und Moderne, religiöse Moralvorstellungen und säkularer Lifestyle in scheinbar stoischer Gelassenheit aufeinander prallen.

Miron Zownirs s/w Fotografien zeigen Menschen, die am Rande oder außerhalb der tiefgespaltenen türkischen Gesellschaft stehen. Sie konterkarieren das bunte Image der aufstrebenden, modernen und weltoffenen Kulturhauptstadt und geben düstere Einblicke in die tatsächliche Not und das Elend hunderttausender Menschen, die dort tagtäglich um ihr Überleben kämpfen.

Auf seinen tage-und nächtelangen fotografischen Streifzügen durch verschiedene Viertel Istanbuls, trifft Zownir auf viele Straßenkinder, die auch mitten im Winter ohne Schuhe unterwegs sind. Besonders im Corona-Winter 2021 verschärfte sich die Situation noch einmal. Kleinkinder wurden von ihren Eltern stundenlang, ohne jegliche Aufsicht, zum Betteln auf die Gehwege gesetzt. Behinderte und Versehrte, alte Frauen und Männer baten um bescheidene Almosen, Menschen verkauften Taschentücher, sammelten Plastiksäcke ein oder spielten am Straßenrand Flöte. Syrische Familien mit Kindern verbringen ihre Nächte auf Pappkartons in dunklen Hauseingängen, obdachlos, traumatisiert und vom Staat allein gelassen. Fast eine Million Flüchtlinge sollen allein in Istanbul leben. Nur wer großes Glück hat, kommt in gutausgestatteten Lagern unter. Offizielle Obdachlosenstatistiken werden gar nicht erst geführt. 

Wenn es dunkel wird in Istanbul, werden gesellschaftliche Tabus sichtbar. Die Schließung zahlreicher Bordelle, hat die Prostitution mittlerweile massiv auf die Strasse verlagert. Schutzlos ausgeliefert, werden die Sexarbeiterinnen, darunter auch viele Transsexuelle und Transvestiten, zu Freiwild. Gejagt, verspottet, verhöhnt und verachtet, stehen sie auf der untersten Skala der gesellschaftlichen Hierarchie, obwohl ihre Dienste gerne in Anspruch genommen werden. Gewalt, bis hin zu Mord, durch Zuhälter, Freier oder auch die eigene Familie, ist keine Seltenheit. Zur Anklage gebracht werden diese Verbrechen in der Türkei allerdings so gut wie nie. Im Gegenteil, die Opfer werden marginalisiert und kriminalisiert, denn ihre Existenz entspricht, nach Ansicht der derzeitigen Regierung, nicht den „allgemeinen Werten der türkischen Gesellschaft“. 

In seiner mutigen fotodokumentarischen Arbeit beleuchtet Miron Zownir wie vielfältig die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten der Menschen in Istanbul sind und bildet eine soziale Realität ab, ohne die teilweise menschenunwürdigen Umstände zu beschönigen. Seine Fotografien geben Einblicke in ignorierte Schattenwelten, die im staatlichen Monopol der Informationsverbreitung keinen Raum finden.

Eine Auswahl von Fotografien aus dieser Serie wird erstmals in einem Ausstellungs- und Fotobuchprojekt von der GALERIE BENE TASCHEN präsentiert.

The ongoing economic crisis, the pandemic, the rapid inflation of the currency and the reception of an immense number of war refugees have changed the public image of the ever-growing mega-metropolis of Istanbul drastically, showing a dramatic increase in poverty.

Amidst the vibrant energy of Turkey's largest city and the magical atmosphere of light and shadow across the Bosphorus, Miron Zownir captures the twin character of Istanbul, a city where tradition and modernity, religious morals and secular lifestyle collide in seemingly stoic serenity.

Miron Zownir's b/w photographs show people on the fringes or outside of the deeply divided Turkish society. They thwart the colourful image of the aspiring, modern and cosmopolitan cultural capital and provide gloomy insights into the actual hardship and misery of hundreds of thousands of people who struggle to survive  every day. 

On his day-and-night photographic forays through various neighbourhoods of Istanbul, Zownir encounters many street children, walking without shoes even in the middle of winter. Especially during the Corona pandemic in 2021, the situation worsened once again. Young children were left by their parents to beg on the sidewalks for hours, without any care. Handicapped and disabled people, old women and men begged for modest alms, people sold handkerchiefs, collected plastic bags or played the flute on the side of the road. Syrian refugee families spend their nights on cardboard boxes in dark doorways, homeless, traumatized and left alone by the state. Almost one million refugees are said to live in Istanbul alone. Only those who are very lucky find shelter in well-equipped camps. Official homeless statistics are not even kept. 

When night falls in Istanbul, taboos become visible. The closure of numerous brothels has meanwhile shifted prostitution massively to the streets. Defencelessly exposed, the sex workers, including many transsexuals and transvestites, become fair game. Hunted, mocked, ridiculed and despised, they are on the lowest scale of the social hierarchy, even though their services are gladly used. Violence, up to and including murder, by pimps, johns or even their own family, is not uncommon. However, these crimes are almost never brought to justice in Turkey. On the contrary, the victims are marginalized and criminalized, because their existence, according to the current government, does not correspond to the "general values of Turkish society". 

In his courageous photo-documentary work, Miron Zownir illuminates how diverse living conditions of Istanbul's citizens nowadays are, without glossing over the sometimes undignified circumstances. His photographs provide insights into a social reality, which is blacked out in the state monopoly on information dissemination.

A selection from Miron Zownir's ISTANBUL NOIR series will be presented for the first time in an exhibition and photo book project by GALERIE BENE TASCHEN in 2022/23.